Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal – der erste Mauertote

Ein Teil des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals verläuft zwischen Hauptbahnhof und Nordhafen, wo heute eine wunderschöne Uferpromenade zu finden ist. Die Spaziergänger können ihren Blick über den Kanal schweifen lassen und vielleicht für eine Weile vergessen, dass sie sich mitten in einer Großstadt befinden. Doch die Geschichte, die diesen Ort prägt, sollte darüber nicht vergessen werden: Zwischen der Sandkrugbrücke an der Invalidenstraße und der Kieler Straße verlief hier früher ein Teil der innerdeutschen Grenze. Das heute so schöne Ostufer des Kanals war damals Sperrgebiet, und der Invalidenfriedhof fiel zu einem großen Teil den Grenzanlagen zum Opfer. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde der Ostteil des Kanals in eine Promenade verwandelt, die von der Sandkrugbrücke am Wirtschaftsministerium durch den Invalidenfriedhof bis zur Kieler Straße am Nordhafen verläuft.

An diesem idyllischen Ort und unweit davon haben sich früher Tragödien zugetragen. Auskunft darüber gibt eine Gedenktafel am Invalidenfriedhof.

Ein Stück weiter entlang der Promenade taucht mitten in einem Neubauviertel plötzlich ein ehemaliger DDR-Wachturm auf, eine sogenannte Führungsstelle der DDR-Grenztruppen. Dieser Turm hätte schon längst den Baumaßnahmen weichen sollen, doch Jürgen Litfin hat sich vehement dafür eingesetzt, dass dieser Turm erhalten bleibt, und hat ihn in eine Gedenkstätte verwandelt: eine Gedenkstätte für seinen Bruder Günter Litfin und alle anderen Mauertoten.

Sein Bruder Günter war das erste Maueropfer und wurde 11 Tage nach Beginn des Mauerbaus kaltblütig erschossen.

Günter arbeitete damals im Westen und lebte im Ostteil Berlins. Er hatte sich schon eine Wohnung im Westen eingerichtet, als von einem Tag auf den anderen die Grenze nach West-Berlin abgeriegelt wurde. Noch am selben Tag fuhren die beiden Brüder mit ihren Fahrrädern die Grenzanlage ab. 11 Tage später lief Günter Litfin in Richtung Humboldthafen, der ihn vom Westen trennte. Als er entdeckt wurde, sprang er von der Brücke ins Wasser und versuchte, ans andere Ufer zu gelangen. Schließlich wurde er durch einen gezielten Genickschuss getroffen und tot aus der Spree gezogen. Ein Transportpolizist hatte ihn erschossen, obwohl Günter im Wasser noch die Arme in die Höhe gehoben hatte. Kurz darauf erhielten der Polizist und sein Vorgesetzter eine Art Orden. Die versuchte Flucht ereignete sich am helllichten Tage, und offenbar glaubte niemand den Gerüchten, dass auf Flüchtlinge tatsächlich geschossen würde. Günter Litfin war der traurige Beweis für die Grausamkeit und Unmenschlichkeit des DDR-Regimes.

Jürgen Litfin, Günters Bruder, investierte viele Jahre der restaurativen Arbeit in den Turm. Am 24.8.2003 (42 Jahre nach Günters Tod) wurde die „Gedenkstätte Günter Litfin“ am sogenannten Kieler Eck eröffnet.

Der ehemalige Wachturm kann natürlich besichtigt werden. Auf zwei Etagen finden sich Dokumente und viele Bilder zur Berliner Mauer und zum Tod von Günter. Aus dem obersten Fenster schaut ein nachgebildeter Grenzsoldat, dessen Gesicht man auch von unten sehen kann, daneben die Nationalflagge der DDR (siehe unten). In so einem Turm hielten immer vier Grenzsoldaten Wache, sie schliefen dort sogar auf Etagenbetten. Ein Offizier war auch zugegen, um Befehle erteilen zu können. Jürgen ist sehr oft am Turm und spricht zu verschiedenen Gruppen, die auf ihren Fahrradtouren dort vorbeikommen. Eine Lebensgeschichte gegen das Vergessen.

Mit dem gemeinnützigen Verein „Gedenkstätte Günter Litfin e.V.“ versucht Jürgen, den Wachturm als wichtiges Zeugnis der Geschichte zu bewahren und gegen das Vergessen anzukämpfen.

Hier finden Sie die Gedenkstätte:

Kieler Str. 2, 10115 Berlin-Mitte
März bis Oktober: täglich 12 – 17 Uhr
U-Bhf. Reinickendorfer Straße (U6), Bus 147, auch direkt vom Hauptbahnhof erreichbar
Kontakt: Jürgen Litfin, Fischerinsel 2, 10179 Berlin
Tel./Fax: 030 / 23 62 61 83, Mobil: 0163 / 379 72 90

Wichtige Fakten zur deutsch-deutschen Geschichte und zur Berliner Mauer finden Sie hier: www.berlin.de/mauer/index.de.html

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Text & Fotos: Zuzana Hessler

https://www.xing.com/profile/Zuzana_Hessler

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