Kreuzberg – Der alternative Stadtteil

Wenn man eine fremde Stadt an solchen Orten erkunden möchte, die nicht sofort von allen Touristen angesteuert werden, ist Kreuzberg dafür der ideale Stadtteil (Kiez, wie die Berliner sagen), weil er so lebendig und dank der sehr unterschiedlichen Einwohnerschaft so vielseitig ist. Da ist z.B. das feine Paul-Lincke-Ufer auf der nördlichen Seite des Landwehrkanals mit den vielen einladenden Lokalen in den begrünten Vorgärten (darunter aber auch das genauso gemütlich erscheinende Horvath mit einem Michelin-Stern) und das bunt gemischte südliche Maybachufer mit dem lebhaften Türkenmarkt (jeden Dienstag und Freitag zwischen 11:00 und 18:30 Uhr), der fast alles bietet. Mit etwas Glück bekommt man auch einen Platz auf der Terrasse der Ankerklause (Ecke Maybachufer – Kottbusser Damm), um hier sein Frühstück direkt über dem Wasser einzunehmen.

Von dort aus kann man nach Süden durch den sogenannten Graefekiez rund um die namensgebende Straße bummeln und bekommt dabei einen guten Eindruck, warum es so viele nach Kreuzberg zieht und bezahlbarer Wohnraum knapp geworden ist. Ich bin immer wieder fasziniert, wie viele von den schönen Gebäuden die Kriegszerstörung und die Abrisswellen in den 70er Jahren und darüber hinaus überlebt haben. Die klassischen Berliner Mietshäuser galten wegen des schlechten baulichen Zustands, der Kohlebeheizung, Toiletten im Treppenhaus und engen, dunklen Hinterhöfe als unzumutbar für eine moderne Gesellschaft. Besonders die Kreuzberger hatten sich jedoch erfolgreich mit „Instandbesetzungen“ – also der Hausbesetzung und anschließenden Sanierung in Eigenregie – gegen deren Abriss gewehrt. Großartige Beispiele sind für mich die Gebäude rund um den Chamissoplatz (dazu gibt es sogar einen sehenswerten Film von 1980, „Berlin Chamissoplatz“) und Riehmers Hofgarten (Eingang Nr. 84) zwischen Yorkstraße und der Hagelberger Straße. Wenn man die Zeit hat, sollte man sich wirklich einfach treiben lassen.

Kreuzberg ist aber auf jeden Fall auch ein politisches Phänomen, es vergeht kein Tag, an dem nicht in den Lokalmedien darüber berichtet wird. Der Stadtteil ist inzwischen eher erstarrt im starken Misstrauen gegen jegliche Modernisierung und Neubebauung aus Furcht vor „Gentrifizierung“. Es soll alles so bleiben wie es ist, was zu einem heiß diskutierten, von vielen Demonstrationen begleiteten Politikum geworden ist. Interessanterweise stehen sich hier die Alt-Kreuzberger, die damals um die Erhaltung des Bestands gekämpft haben und vielleicht inzwischen etablierte Wohnungseigentümer sind, und die aufmüpfigen Neu-Kreuzberger ziemlich verständnislos gegenüber. Die einen wollen auch Modernisierung zulassen, während die anderen um jede zugewucherte Brache kämpfen. Was beide eint, ist die durchaus begründete Furcht vor Spekulanten. Es bleibt also weiter spannend im alternativen Stadtteil!

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Text & Fotos: Ingrid Gosch

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